Shanghai Skyline
Niedersachsens Repräsentanz in China

Internationale Wachstumschancen: Chinas Markt ist groß und vielfältig

06.10.2021 Shanghai

Ein Interview mit Yi Zhang - der Repräsentant des Landes Niedersachsen in China versteht sich als Vermittler zwischen den Kulturen und unterstützt niedersächsische Unternehmen beim Markteintritt vor Ort: China ist ein riesiger Markt, daher gibt es auf breiter Basis Marktchancen.

Herr Zhang, Sie sind der Repräsentant des Landes Niedersachsen in der Volksrepublik China. Die Leserinnen und Leser würden sicher auch gern etwas über Sie persönlich erfahren.

Im Jahr 2003 bin ich erstmals nach Deutschland gekommen, um die deutsche Sprache zu erlernen und um zu studieren. Ich habe mich sofort sehr wohl gefühlt und aus einem Semester sind dann vier Jahre geworden. Nach meinem Master in Elektrotechnik an der TU Berlin habe ich eine Zeit lang in München als Softwareentwickler gearbeitet.

Ich bin zwar Ingenieur, 2010 erhielt ich jedoch ein interessantes Jobangebot in der Wirtschaftsförderung im Bereich Investitions- und Exportförderung.

Spannend und vielfältig sind meine Aufgaben, sowohl internationale Investitionen zwischen Europa und China anzubahnen, als auch Unternehmen beim Eintritt in den chinesischen Markt zu unterstützen.

Fünf Jahre war ich in Wien und Zürich als Repräsentant des Sino-Austria Ecological Park und des Sino-Swiss Industrial Park tätig. Anschließend war ich mehrere Jahre als Leiter des Büros für Investitionsförderung in der Stadt Zhenjiang in der Provinz Jiangsu verantwortlich für die internationale Investitionsförderung, bevor ich Repräsentant des Landes Niedersachsen in China geworden bin.

Yi Zhang, Repräsentant des Landes Niedersachsen in Shanghai, China

In normalen Zeiten, was macht Ihre Arbeit als Repräsentant besonders interessant?

Die Leitung der Repräsentanz des Landes Niedersachsen in China ist eine sehr interessanteste Aufgabe, die es mir ermöglicht, eng mit deutschen und chinesischen Unternehmen zusammen zu arbeiten und wirtschaftliche Kooperationen zwischen den Ländern zu fördern. Hierbei stimme ich mich eng mit dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium ab.

Ich verstehe mich auch als eine Art Vermittler zwischen den Kulturen, damit z.B. interkulturelle Unterschiede in der Kommunikation nicht zu Missverständnissen zwischen deutschen und chinesischen Geschäftspartnern führen.

Eine meiner Hauptaufgaben besteht zudem darin, deutsche Unternehmen beim Eintritt in den chinesischen Markt zu unterstützen und geeignete Wege zur Gewinnung von Kunden aufzuzeigen. Die Kommunikation zwischen den Regierungen, Unternehmen und Institutionen in China und Deutschland kann herausfordernd sein und dazu führen, dass Projekte nicht vorankommen. Hier kann ich als Repräsentant die notwendige Hilfestellung leisten und es macht mir große Freude, dabei zu vermitteln.

Wie belastend war für Sie die Zeit der strengen Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie?

Die Impfquote in China beträgt 78% , das sind mehr als 1,1 Milliarden Menschen. Derzeit gibt es in China täglich etwa ein Dutzend neue Fälle, hauptsächlich mit der Delta-Variante. China setzt derzeit strenge Einreisekontrollrichtlinien um, Visaeinladungen müssen genehmigt werden und die Auflage von zwei Wochen zentralisierter Isolation zuzüglich ein bis zwei Wochen häuslicher Isolation nach Einreise muss strikt umgesetzt werden. In China läuft, bis auf wenige Ausnahmen in Städten mit mehreren Neuinfektionen,  im Grunde alles wie gehabt, außer dass im öffentlichen Verkehr, bei großen Konferenzen und bei Ausstellungen Masken getragen werden müssen.

Dies hatte natürlich auch Auswirkungen auf meine Arbeit als Repräsentant und die Anfragen niedersächsischer Unternehmen waren eher gering. Dem gegenüber ist das Interesse chinesischer Unternehmen an Investitionen in Europa nicht ganz so stark zurückgegangen, so dass der Fokus meiner Arbeit zu dieser Zeit hauptsächlich auf dem Ausbau der Beziehungen expansionsinteressierter chinesischer Unternehmen lag.

Die Corona-Pandemie hat in allen Ländern negative Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung. Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Lage in China?

Es ist tatsächlich leider so, dass COVID-19, wie bisher keine andere globale Krise, zu einer wirtschaftlichen Rezession geführt hat und auch China davon stark betroffen war. So gab es im Jahr 2020 ein BIP-Wachstum von 2,3%. Das war die niedrigste Wachstumsrate seit 40 Jahren. Dank der wirksamen Prävention und Bekämpfung der Pandemie hat sich Chinas Wirtschaft stark erholt. Im ersten Halbjahr 2021 wuchs Chinas BIP im Jahresvergleich um 12,7 %.  Es wird erwartet, dass das BIP-Wachstum für das Gesamtjahr 2021 8 % übersteigen wird.

In innovativen Branchen wie Artificial Intelligence, Informationstechnik und Life Science sehe ich große Wachstumschancen. Hier wird auch die Regierung Chinas stark investieren und Wachstum fördern.

China ist ein sehr wichtiger Markt für deutsche und auch niedersächsische Unternehmen. Vor dem Hintergrund der besonderen Stärken des Wirtschaftsstandortes Niedersachsen: Wo sehen Sie Branchenbereiche, die für unsere Unternehmen besonders interessant sein könnten?

China ist ein riesiger Markt, daher gibt es auf breiter Basis Marktchancen. Allerdings denke ich, dass besondere Chancen für niedersächsische Unternehmen insbesondere in den Branchen Mobilität und Biowissenschaften liegen.

Die Automobilindustrie ist die wichtigste Branche für Investitionen niedersächsischer Unternehmen in China und wird auch weiterhin Gewicht haben. Chinas E-Mobilitätsindustrie entwickelt sich rasant. 2020 wurden unter dem Einfluss der Pandemie in China immer noch 1,3 Millionen neue Fahrzeuge mit Elektroantrieb verkauft und bis 2023 werden es voraussichtlich 3 Millionen sein.

Die Biowissenschaft ist eine der Branchen, die von der Pandemie profitieren kann. Viele chinesische Unternehmen aus diesem Bereich hatten in letzter Zeit ein großes Geschäftswachstum und zeigen eine starke Bereitschaft zur internationalen Zusammenarbeit. Außerdem ist in dieser Branche zurzeit reichlich chinesisches Kapital vorhanden. Für niedersächsische Life-Science-Unternehmen ist dies eine gute Gelegenheit, in den chinesischen Markt einzutreten oder mit chinesischen Unternehmen zusammenzuarbeiten.

Ein weiterer Sektor ist die Lebensmittelindustrie. Aufgrund des starken Wachstums des chinesischen Inlandsmarktes haben die größten Lebensmittelunternehmen enorme Summen in die Erweiterung der Produktions- und Verarbeitungskapazitäten gesteckt. Die steigende chinesische Nachfrage nach Premium-Produkten bietet niedersächsischen Unternehmen gute Chancen, am chinesischen Markt teilzunehmen. Darüber hinaus stehen chinesische Unternehmen in diesem Sektor der Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen sehr offen gegenüber.

Ich könnte noch einige weitere Marktchancen aufzeigen, denn Chinas Markt ist groß und vielfältig. Ich möchte niedersächsische Unternehmen ermuntern, Kontakt mit mir aufzunehmen, sodass wir gemeinsam die spezifischen Marktchancen prüfen können.

Wie kann Niedersachsen von der Vertiefung der Beziehungen zwischen der EU und China profitieren?

Aufgrund der gegenwärtigen Spannungen zwischen China und den USA ist das Verhältnis zwischen China und der EU wichtiger denn je. Die EU ist Chinas wichtigster Handelspartner. Die chinesische Regierung unterstützt europäische Unternehmen, die nach China expandieren, und chinesische Unternehmen, die in Europa investieren wollen.

Darüber hinaus sieht der 5-Jahresplan der chinesischen Regierung ab diesem Jahr eine Öffnung des Marktes vor und ermutigt auch chinesische Unternehmen, international zu expandieren. Unternehmen aus Niedersachsen können Unterstützungsmaßnahmen bei der Erkundung des chinesischen Marktes erhalten und haben bessere Chancen, Investitions- und Kooperationspartner in China zu finden.

Ein Vorteil ist, dass chinesische Unternehmen gerne in Deutschland investieren und der Standort Niedersachsen aufgrund seiner Attraktivität gute Chancen hat, chinesische Investoren zu gewinnen.

Auf welche wirtschaftlichen und kulturellen Besonderheiten in der Volksrepublik China muss sich ein niedersächsisches Unternehmen einstellen?

In China ist der Kontakt mit der Regierung unvermeidlich. Viele Produkte müssen von der zuständigen chinesischen Behörde registriert, zertifiziert oder lizenziert werden, bevor sie in China verkauft werden können. Ein häufig praktizierter und wirksamer Ansatz um schneller voranzukommen, ist die Zusammenarbeit mit einem chinesischen Unternehmen.

Die Sicherung des geistigen Eigentums ist in China ein durchaus schwieriges Thema, obwohl aktuell schon Verbesserungen erkennbar sind. Deshalb ist es z.B. wichtig, sicherzustellen, dass alle Rechte registriert sind und die erforderlichen Überprüfungen bei den Geschäftspartnern durchgeführt wurden.

Hinsichtlich der Kommunikation innerhalb Chinas ist die Benutzung von WeChat zu empfehlen, denn die App ist das wichtigste Werkzeug für die Geschäftskommunikation in China.

Die Verwendung von WeChat zeigt gegenüber dem Geschäftspartner Professionalität und ist ein wichtiger Aspekt beim Aufbau von Geschäftsbeziehungen.

Mit welchen typischen Herausforderungen sehen Sie niedersächsische Unternehmen konfrontiert und wo können Sie besonders unterstützen?

Kulturelle Missverständnisse sind eine der größten Herausforderungen für deutsche Unternehmen in China.

Obwohl immer mehr Chinesen die englische Sprache ganz gut beherrschen, bleibt es schwierig, die „verborgenen“ Bedeutungen der Sprache zu verstehen.

Voraussetzung für gute Geschäftsbeziehungen ist aber nicht nur die direkte, sondern auch das Verständnis für die indirekte Kommunikation sowie der kulturellen Gepflogenheiten.  Hier kann ich Unternehmen unterstützen, um Missverständnisse aufgrund kultureller Unterschiede zu vermeiden und um Geschäftsbeziehungen besser zu gestalten.

Eine weitere Herausforderung besteht oft darin, potenzielle Geschäftspartner genau zu analysieren, um festzustellen, ob das chinesische Unternehmen ein wirklich leistungsfähiger und kooperativer Partner ist. Auch hierbei unterstütze ich gern.

Es gibt aber auch ein reges Interesse von chinesischen Unternehmen, in Niedersachsen aktiv zu werden, sei es durch den Aufbau einer Vertriebseinheit oder eine konkrete Ansiedlung. Welche Unterstützungsleistungen kann die Repräsentanz den interessierten chinesischen Unternehmen bieten?

Die Repräsentanz Niedersachsens in China ist zum einen proaktiv in China unterwegs, um interessante Unternehmen gezielt auf die Möglichkeiten in Niedersachsen aufmerksam zu machen. Zum anderen unterstützt sie aber auch die Unternehmen, die gezielt nach Ansiedlungsmöglichkeiten in Europa suchen.

Chinesischen Unternehmen biete ich, in enger Zusammenarbeit mit dem Wirtschafts-ministerium in Niedersachsen, insbesondere Unterstützung bei der Entwicklung von Strategien zur Ansiedlung in Niedersachsen und bei der Suche nach Standorten an. Dies umfasst sowohl Hilfestellungen bei der Vermittlung von Industrie-, Gewerbe- oder Büroflächen als auch bei der Suche nach potentiellen Kooperationspartnern und Kontakten zu Clustern und Verbänden. Wenn durch meine Mithilfe konkrete Projekte zwischen chinesischen und niedersächsischen Unternehmen und Einrichtungen entstehen, erfüllt mich das mit großer Freude.

Bildcredit: Pixabay

Ihr Repräsentant in China