Engagement für die Energiewende

Im Gespräch mit Hans-Dieter Kettwig, Geschäftsführer ENERCON GmbH

Beste Bedingungen für die Windenergie

Seit 1984 werden bei ENERCON in Ostfriesland Windenergieanlagen hergestellt und weiterentwickelt. Die Region ist Vorbild für den Ausbau der Onshore-Windenergie und den zukunftssicheren Umbau des Energiesystems.

Herr Kettwig, ENERCON produziert seit über 30 Jahren Windenergieanlagen in Ostfriesland und ist damit ein Pionier auf diesem Gebiet. Wie ist es eigentlich dazu gekommen?

ENERCON wurde 1984 von Diplom-Ingenieur Aloys Wobben in Aurich gegründet. Zu einer Zeit, als Befürworter der Windenergie von Vertretern des konventionellen Energiesektors meist belächelt wurden, verfolgte Dr. Aloys Wobben unbeirrt seine Ideen von einer alternativen und umweltfreundlichen Energieerzeugung und entwickelte sie konsequent zur Marktreife. Mit dem Erfolg der getriebelosen ENERCON Windenergieanlagen, der mit Kunden aus der Region seinen Anfang nahm, baute Wobben auch die Produktion sukzessive aus. 1993 wurde die Aero Rotorblattfertigung GmbH in Aurich gegründet, ein Jahr später die Induction Generatorenfertigung GmbH usw. Konsequent wurde die Produktion erweitert und damit in Ostfriesland die Basis für die in der Windenergiebranche bis heute beispiellose hohe Fertigungstiefe und breite unternehmerische Aufstellung von ENERCON – inklusive einer umfangreichen Service-Organisation – geschaffen.

Sie sind selbst in Ostfriesland geboren. Nun arbeiten Sie hier an der Energiegewinnung der Zukunft. Was schätzen Sie an Ihrer Heimat, und was fasziniert Sie persönlich an der Energiegewinnung durch Wind hier?

Ich schätze an Ostfriesland, dass hier die Menschen mit großem Engagement und festem Standvermögen die Energiewende voranbringen. Unsere Region ist ein Vorbild für den Ausbau der Onshore-Windenergie und den zukunftssicheren Umbau des Energiesystems. Aus dieser Region stammen auch unsere ersten Kunden, Finanzierer oder auch Ortschaften, die ENERCON bereits vor 30 Jahren ihr Vertrauen schenkten und ihre ersten Windenergieanlagen bestellten. An sie erinnere ich mich besonders gern. Viele dieser ersten Kunden sind unserem Haus heute noch treu verbunden. Einige betreiben ihre Anlagen von damals immer noch. Andere haben im Laufe der Jahre weitere, umfangreichere Windenergieprojekte mit uns umgesetzt. Auch dies weltweit! Es ist spannend zu sehen, wie sich diese Partnerschaft auch im Zuliefererbereich in all den Jahren weiter entwickelt hat – und wie diese Entwicklung auch meine Heimatregion Ostfriesland vorangebracht hat.

Herr Kettwig, ENERCON ist inzwischen der größte deutsche Hersteller von Windenergieanlagen und weltweit sehr erfolgreich. Wie erklären Sie sich diese Erfolgsgeschichte?

ENERCONs Anspruch war und ist es, technologisch führend zu sein und seinen Kunden stets die beste Windenergieanlage zur besten Qualität zu liefern. Wir nehmen uns dabei selbst in die Pflicht, unsere Technologie konsequent weiterzuentwickeln und uns nicht auf Erfolgen auszuruhen. Dazu kommt eine von Unternehmensgründer Aloys Wobben geprägte nachhaltige Unternehmensentwicklung, die wir konsequent verfolgen, ohne dabei unkalkulierbare Risiken einzugehen. ENERCONs Unternehmensphilosophie basiert auf einem stabilen, nachhaltigen und unabhängigen Unternehmenswachstum.

Was ist Ihre zurzeit erfolgreichste Anlage und wo wird sie eingesetzt?

Unsere Anlagen sind an jedem Standort erfolgreich. Wir verfolgen eine ständige Weiterentwicklung unserer WEA-Technologie mit mittlerweile über 26.000 installierten getriebelosen Anlagen - von der E-40/500 kW über die E-70, E-82, E-101, E-115 bis hin zu unseren neuesten WEA-Entwicklungen. Zurzeit bringt ENERCON die neue E-126 EP4 und die neue E-141 EP4 auf den Markt. Beide Neuentwicklungen werden sehr gut von unseren Kunden angenommen. Insbesondere die für Schwachwindstandorte konzipierte E-141 EP4 ist unsere Antwort auf die sich gerade stark verändernden Rahmenbedingungen und die positive Entwicklung der Standorte in Mittel- und Süddeutschland. Sie machen eine effiziente Anlagentechnologie unverzichtbar.

Rotorblattfertigung im Blattwerk KTA Aurich

Herr Kettwig, ENERCON ist am sogenannten enera-Projekt beteiligt. Enera hat das Ziel, Deutschland mit völlig neuen Ansätzen zu einem internationalen Leitmarkt der Energietransformation zu machen. Inwiefern will ENERCON dazu beitragen – und was bedeutet das Projekt für Ihr Unternehmen?

ENERCON bringt als deutscher Marktführer im Bereich Windenergieanlagen seine Kompetenzen im Bereich der elektrischen Eigenschaften von Windenergieanlagen, Leistungselektronik und Projektierung in das Projekt ein. Wir erhalten dabei die Möglichkeit, unsere „Energiewende-Bausteine“ unter realen Bedingungen im Energienetz zu demonstrieren und im Netzalltag zu testen. Hier werden wir eng mit dem Energieversorger EWE aus Oldenburg und vielen Unternehmen aus der Region zusammenarbeiten.

In einem Energiesystem auf Basis der Erneuerbaren gewinnt die intelligente Vernetzung von flexiblen Stromerzeugern und -verbrauchern sowie der Infrastruktur immer mehr an Bedeutung. Wenn wir als Erneuerbare den Anspruch haben, systemrelevant zu sein, dann müssen wir es auch leisten können. Für ein erneuerbares Energiesystems, das aus eigener Kraft Versorgungssicherheit und Netzstabilität sicherstellt, müssen wir uns mit den Themen Speicherung, intelligente Netze und Datenströme auseinandersetzen. Wir müssen als Erneuerbare zeigen, dass wir geschlossene Systeme liefern können. Dieses Projekt könnte eine Blaupause für viele Inlandsprojekte sein und so zukünftig für Ostfriesland als „Wiege“ der Idee einen Schub an Wirtschaftskraft bedeuten.

Woran forscht Enercon zurzeit noch? Gibt es wegweisende Forschung, die bei Enercon entstanden ist und die Windenergie nach vorne gebracht hat?

Neben unserem Kerngeschäft, der Entwicklung, Herstellung und Lieferung von Hightech-Windenergieanlagen, treiben wir u.a. das Thema Speicherung step by step voran. Energiespeicher werden im erneuerbaren Energiesystem eine wesentliche Rolle spielen, da sich mit ihnen eine Verstetigung der fluktuierenden Erzeugung erreichen lässt und klimaschädliche fossile Backup-Kraftwerke überflüssig werden. Wobei dezentrale Erzeugung und Verwendung der Energie mehr als Stichworte sein werden.

ENERCONs Kompetenz beim Thema Energiespeicher liegt in der Bereitstellung und Steuerung der Schnittstellentechnologie zur Anbindung von Speicherlösungen ans Netz. Unsere Schnittstelle, die auf unserer Wechselrichter-Technologie basiert, ist universell, so dass sich neben Batteriespeichern künftig kundenseitig weitere Anwendungen darstellen lassen – etwa Power-to-Gas- oder Power-to-X-Lösungen sowie Schnellladepunkte für die E-Mobilität.

Die Schnittstellen-Technologie arbeitet bereits in zwei Pilotprojekten im Praxisbetrieb: Sie kommt im Regionalen Regelkraftwerk (RRKW) Feldheim/Brandenburg sowie im Batteriespeicher des Windparks Húsahagi auf den Färöer-Inseln zum Einsatz. Das RRKW speichert Energie aus dem Netz, die zur Primärregelung eingesetzt wird, um Frequenzschwankungen in der Regelzone des Netzbetreibers 50hertz auszugleichen. Im Windpark Húsahagi wird in zwei dem Windpark angeschlossenen Batteriecontainern Energie aus den WEA zwischengespeichert, um zu einer Verstetigung der Einspeiseleistung des Windparks beizutragen.

ENERCON Innovationscenter Aurich

Herr Kettwig, gibt es neue Märkte, die Sie zukünftig erschließen wollen? Und welche wichtigsten Herausforderungen sehen Sie dabei?

ENERCONs Zielsetzung ist auch in Zukunft, zunächst in den Märkten weiter zu wachsen, in denen wir bereits etabliert sind und Vertriebs-, Projektmanagement- und Service-Strukturen geschaffen haben. Darüber hinaus werden wir verstärkt ein Engagement in neuen Märkten prüfen. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund der sich verändernden bundesgesetzlichen Rahmenbedingungen in unserem Heimatmarkt Deutschland geboten.

Produktseitig werden wir unseren Kunden neben unserem Kernprodukt Windenergieanlage weitere Bausteine für zusätzliche Wertschöpfung rund um einen Windpark anbieten. Wir bieten bereits heute umfangreiche Service- und Energielogistik-Dienstleistungen an. Dieses Portfolio werden wir sukzessive erweitern.

Wo sehen Sie persönlich den Markt für Windenergieanlagen in etwa 10 Jahren?

Ein Markt für Onshore-Windenergieanlagen ist prinzipiell überall dort, wo umweltfreundliche und günstige Energie benötigt wird. Dies ist aufgrund der Herausforderungen durch den Klimawandel in vielen Ländern der Welt der Fall. Leider ist die Politik derzeit mancherorts nicht konsequent genug bei der Weichenstellung und zu sehr auf kurzfristige Ergebnisse aus.

Der Druck, die Energieerzeugung auf Erneuerbare umzustellen, wird jedoch in den nächsten Jahren stark zunehmen. Hinzukommen wird ein steigender Energiebedarf wenn die E-Mobilität richtig in Schwung kommt. Dies wird die Ausgangslage für die Onshore-Windenergie sowohl in unserem Heimatmarkt Deutschland als auch in vielen weiteren Regionen der Welt noch einmal positiv verändern. Onshore-Windenergieanlagen werden in zehn Jahren in vielen Märkten die tragende Säule des Energiesystems sein.

Sicherlich spielt auch die friedvolle, ressourcenschonende Nutzung der Erneuerbaren eine entscheidende Rolle, denn wir werden sicherlich noch alle überrascht sein, welche Folgen der Klimawandel noch mit sich bringt. Wir sehen es als große Chance an, hier bei der Lösung mitzuwirken.

Herr Kettwig, wir bedanken uns für das Gespräch.

Sie interesssieren sich für mehr Erfolgsgeschichten?