Sounding Memories

Im Gespräch mit Prof. Dr. Monika E. Schoop, Institut für Kunst, Musik und ihre Vermittlung Leuphana Universität Lüneburg.

Portrait des wissenschaftlichen Instituts

Was (er)forschen Sie? / Welche Anwendungen ergeben sich aus der Forschung?

Das Institut für Kunst, Musik und ihre Vermittlung vereint künstlerische, pädagogi­sche und wissenschaftliche Expertisen in den Disziplinen Bildende Kunst und Musik mit deren jeweiligen Bezugsfeldern. Ganz allgemein liegen die Forschungs-Schwerpunkte des Fachs Musik in den Bereichen Popular Music Studies und Musikpädagogik

Zum Forschungsprojekt

Das DFG-Projekt Sounding Memories erforscht zeitgenössische musikalische Praktiken, die sich aktiv mit der Erinnerung an die NS-Zeit und den zweiten Weltkrieg auseinandersetzen. Der Fokus liegt dabei auf Widerstand gegen und Verfolgung durch das NS-Regime. Ausgehend von der Annahme, dass Musik ein zentraler Bestandteil von Erinnerungskultur ist, betrachtet das Projekt eine Vielzahl musikalischer Genres, Akteur*innen und soziokultureller Milieus. Das Projekt erforscht den Beitrag musikalischer Praktiken zur Verhandlung kollektiver Erinnerungen der NS-Vergangenheit und zeigt wie Verfolgung, Diskriminierung, Gewalt, Krieg sowie bewaffnete Widerstand und ziviler Ungehorsam in künstlerischen und öffentlichen Diskursen thematisiert werden. Dabei wird auch berücksichtigt, wie klingende Erinnerungen an die NS-Vergangenheit Räume für eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen sozialen Problemen in Deutschland und Europa schaffen, z.B. Rassismus gegenüber Migrant_innen und Geflüchteten, das Erstarken der politischen Rechten, sowie Konflikte resultierend aus sozialer Ungleichheit und Marginalisierung auf Basis ethnischer und religiöser Zugehörigkeit oder sexueller Orientierung.

Ich leite das DFG-Projekt gemeinsam mit Prof. Dr. Federico Spinetti von der Universität Köln. Seit meinem Wechsel an die Leuphana ist das Projekt das Projekt somit sowohl an der UzK als auch an der Leuphana (Institut für Kunst, Musik und ihre Vermittlung) angesiedelt. In Köln forschen Martin Ringsmut und Sidney König, in Lüneburg Thomas Sebastian Köhn und ich.

1. Wo befindet sich das Institut?
Institut für Kunst, Musik und ihre Vermittlung, Leuphana Universität Lüneburg.
 

2. Seit wann gibt es die Einrichtung/das Institut?
2007/2008
 

3. Wie groß ist das Institut?
Eine Übersicht gibt es hier:

https://www.leuphana.de/institute/ikmv/personen.html

 

4. Wer sind die Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen?
Für das Projekt Sounding Memories bin ich die Ansprechperson.

Prof.’ Dr.’ Monika E. Schoop
Juniorprofessur Musikwissenschaft (insb. Popular Music Studies)

Leuphana Universität Lüneburg
Institut für Kunst, Musik und ihre Vermittlung 
Universitätsallee 1, C16.212B
21335 Lüneburg
Fon 04131.677-2568
Fax 04131.677-2563

monika.schoop@leuphana.de

Für allgemeine Fragen, die das Institut betreffen, ist die Geschäftsführung die richtige Adresse:

Prof. Dr. Michael Ahlers
Professur für Musikdidaktik mit dem Schwerpunkt Popularmusik

21335 Lüneburg, Universitätsallee 1, C16.216
Fon +49.4131.677-2581
michael.ahlers@leuphana.de 

Das Institut

1. Wie würden Sie Ihre Vision beschreiben? Und wie kam es zu dieser Vision? Die Idee zum Forschungsprojekt entstand gemeinsam mit Prof. Dr. Federico Spinetti während meiner Zeit an der Universität Köln. Wir interessieren uns beide schon seit langer Zeit für das Thema Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Faschismus und waren erstaunt, dass das Thema aus musikwissenschaftlicher Perspektive bislang nur wenig erforscht ist. Uns war schnell klar, dass wir das ändern wollen.
 

2. Was ist das Besondere an Ihrer Forschung? Was zeichnet es aus?
Wir stellen einen Dialog zwischen Musikforschung, insb. Musikethnologie und Erinnerungsforschung her. Außerdem arbeiten wir sehr interdisziplinär, beziehen neben Musikwissenschaft und Erinnerungsforschung auch Ansätze aus den Cultural Studies, Kulturanthropologie, Geschichtswissenschaften, Medienwissenschaften und Minderheitensstudien mit ein.
 

Spezifika des Forschungsfeldes

1. Warum ist für Sie die Vernetzung im Feld wichtig? Wie gelingt die Vernetzung in Niedersachsen, national und international und welche konkreten Vorteile bringt dieses Netzwerk für Sie mit?
 
Ich bin Mitglied in zahlreichen nationalen und internationalen Fachgesellschaften (z.B. IASPM; Society for Ethnomusicology, International Council for the Study of Traditional Music, Gesellschaft für Musikforschung) und nehme regelmäßig an Konferenzen teil. In diesem Jahr habe ich z.B. Vorträge auf der IASPM-Konferenz in Canberra, der ICTM Konferenz in Bangkok gehalten und werde auch bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung in Detmold dabei sein. Die Vernetzung bietet die Möglichkeit zum fachlichen Austausch und auch zur Entwicklung gemeinsamer Publikationen oder Projekte.

Thema NachwuchswissenschaftlerInnen

1. Wie sichert Ihre Einrichtung/Ihr Institut den Bedarf an exzellenten Nachwuchs-WissenschaftlerInnen?
An der Leuphana gibt es eine Vielzahl von Promotionskollegs. Für den Bereich Musik, Kunst und Literatur starten wir im Wintersemester das neue Promotionskolleg „Wissenschaften der Künste“, das den Teilnehmer*innen die Möglichkeit zum fachspezifischen und interdisziplinären Austausch bietet. Außerdem hat die Leuphana überdurchschnittliche finanzielle Fördermöglichkeiten für Promovierende.
 

Digitalisierung / KI

1. Welche Bedeutung hat die Digitalisierung in Ihrer Einrichtung/in Ihrem Institut?
Digitalisierung ein zentrales Forschungsthema in unserem Institut. Die folgenden drei Projekte haben einen expliziten Fokus auf das Thema Digitalisierung:
 
MIDAKuK (Musikalische Interface-Designs:Augmentierte Kreativität Und Konnektivität) (BMBF)
Wie pro­fes­sio­nel­le Mu­si­ker*in­nen und Mu­sikpädagog*in­nen Mu­sik ma­chen hat sich un­ter den Be­din­gun­gen ma­te­ri­ell-di­gi­ta­ler Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se grund­le­gend verändert. Dies be­trifft nicht nur die ein­ge­setz­ten Mu­sik­mach­Din­ge (In­stru­men­te, Soft­ware, Ap­pa­ra­te), son­dern auch die Ko­or­di­na­ten und Be­zie­hun­gen zwi­schen körper­li­chen, sinn­li­chen, ästhe­ti­schen, so­zia­len und kul­tu­rel­len Be­din­gun­gen und For­men ästhe­ti­scher Pra­xis (Jöris­sen 2014). Auch die Re­la­tio­nen zwi­schen mensch­li­chen und nicht­men­sch­li­chen Ak­teu­ren im Ge­samt­s­et­ting des Mu­sik­ma­chens wer­den neu ver­han­delt. Pro­fes­sio­nel­le Mu­sikpädagog*in­nen und  Mu­si­ker*in­nen fin­den so­mit neue Grund­be­din­gun­gen für ihre ei­ge­ne mu­si­ka­li­sche und mu­sikpädago­gi­sche Ar­beit vor, die vor dem Hin­ter­grund ei­nes pro­fes­sio­nell ge­form­ten mu­si­ka­li­schen Ha­bi­tus so­wie ei­nes hoch­gra­dig sen­si­bi­li­sier­ten körper­lich-prak­ti­schen Wahr­neh­mens in Be­zug auf in­stru­men­ta­les Mu­si­zie­ren ei­ner­seits und neu­er di­gi­tal-ma­te­ri­el­ler mu­si­ka­li­scher Mu­sik­Mach­dinge an­der­seits be­rufs­spe­zi­fisch re­flek­tiert wer­den.
Digital-gestütztes Üben im Fachunterricht: Kompetente Lehrkräfte — individualisierte Lernprozesse (BMBF)

Das Projekt verfolgt sie systematische und nachhaltige Stärkung der Digitalisierung in der Lehrerbildung durch Förderung digitalisierungsbezogener fachdidaktischer Lehrerkompetenzen mit inhaltlichem Fokus auf digital-gestütztes, individualisiertes Üben im Fachunterricht. Strukturelle Ziele sind die evidenzbasierte Lehrentwicklung in den Fachdidaktiken, die curriculare Verankerung von Studieninhalten, u. a. in einem Profilstudium, phasenübergreifendes Arbeiten in der Lehrerbildung und der Transfer durch Open Education Resources für die Lehrerbildung.

Independent Music and Digital Technology in the Philippines
In meinem Promotionsprojekt untersuchte ich am Beispiel der philippinischen Musikindustrien und der Independent Szene Metro Manilas den ambivalenten Einfluss digitaler Technologien auf die Promotion Produktion, Distribution und Finanzierung von Musik. Diese ermöglichten auf der einen Seite eine neue Dimension der Piraterie, welche die transnationalen Major Labels dazu veranlasste, sich fast vollständig aus dem Land zurückzuziehen. Auf der anderen Seite bieten das Internet (insbesondere auf den Philippinen weit verbreitete Social Media Plattformen) und digitale Aufnahmetechnologien neue Möglichkeiten für Musiker*innen, Labelbetreiber*innen, Konzertveranstalter*innen und Hörer*innen. und führten zu einer – wenn auch eingeschränkten – Demokratisierung der Musikwirtschaftszweige. Dem Thema bleibe ich weiterhin verbunden und aktualisiere die Ergebnisse.

Aber auch im Projekt Sounding Memories ist Digitalisierung ein Thema, da sie auch einen zentralen Einfluss auf Erinnerungspraktiken hat. Insbesondere das Internet als Raum für die Verhandlung von Erinnerung/en stellt ein wichtiges Forschungsfeld dar.

2. Was können Sie durch die Digitalisierung in Zukunft besser machen?
Sicherlich kann Digitalisierung zu Verbesserungen, z.B. im Schulunterricht, inkl. dem Fach Musik, beitragen. Ich sehe aber nach wie vor das Problem, dass es eine digitale Kluft/Digital divide gibt, und keineswegs alle Leute Zugang haben bzw. über die nötigen Kompetenzen verfügen und ich möchte an dieser Stelle ungerne den Mythos von der Demokratisierung durch digitale Technologien reproduzieren. Auch die unsichtbaren „Kosten“, z.B. Verbrauch natürlicher Ressourcen, unhaltbare Arbeitsbedingungen, usw. werden oft vernachlässigt. Hier ist ein differenzierter Blick nötig. Digitalisierung bringt Vorteile mit sich, aber sie hat auch ihre Schattenseiten.
 

3. Arbeiten Sie in bestimmten Bereichen schon mit Künstlicher Intelligenz und wenn ja, wie können wir uns das vorstellen?
Ich würde mir endlich ein gut funktionierendes Programm zur Spracherkennung wünschen! Das würde meine Arbeit, bei der ich oft sehr viele Interview-Daten auswerten muss, sehr erleichtern.

Wachstum

1. Wie sind Sie Pionier in Ihrem Gebiet geworden? Was ist Ihr Erfolgskonzept?
Wir planen im kommenden Jahr, die Ergebnisse des Forschungsprojekts auch für den pädagogischen Bereich (z.B. Gedenkstättenarbeit, Schulunterricht) nutzbar zu machen. Hierzu planen wir im Juni 2020 konkret eine Veranstaltung, Pädagog*innen, Wissenschaftler*innen und Künstler*innen, in der wir Impulse und Anregungen für weitere anwendungsorientierte Projekte sammeln wollen.
 

Internationale Zusammenarbeit

1. Welche Bedeutung hat die internationale Zusammenarbeit für Ihre Forschung und welche Länder stehen dabei im Fokus? 
Die Bereiche Popular Music Studies und Musikethnologie sind sehr international ausgerichtet, insofern ist Vernetzung und Zusammenarbeit hier ein Muss. Im DFG-Projekt arbeite ich zusammen mit Federico Spinetti von der Universität zu Köln, der zur Erinnerung an die Resistenza in Italien forscht. Dort haben wir auch schon mit Bildungseinrichtungen kollaboriert. Außerdem kooperieren wir mit Wissenschaftler*innen des ZRC SAZU in Ljubljana. In den vergangenen 2 Jahren hatten wir dort ein gemeinsames DAAD-Projekt. Außerdem arbeite ich gerade an einem Special Issue des Journals Popular Music and Society, das Perspektiven aus Italien, Spanien, Chile und Ex-Jugoslawien, vereint.
Was meine Forschung auf den Philippinen angeht, arbeite ich auch mit Wissenschaftler*innen aus Manila zusammen.
 

2. Wie meistern Sie die wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und interkulturellen Herausforderungen in der internationalen Zusammenarbeit?
Als Musikethnologin bin ich mit dem Thema interkulturelle Zusammenarbeit gut vertraut, da erwirbt man zwangsweise interkulturelle Kompetenz! Eine Herausforderung ist, dass internationale Zusammenarbeit meistens Ressourcen braucht. Ein guter Überblick über die Förderlandschaft hilft hier.
 

Zukunft

1. Wo sehen Sie Ihr Institut und Ihre Forschung im Jahr 2030?
Als international wahrgenommenen Standort für Popular Music Studies!
 

2. Was wünschen Sie sich für Ihr Institut, um dahin zu kommen?
Genügend Ressourcen für eine nachhaltige Entwicklung.
 

3. Welchen Rat würden Sie jungen WissenschaftlerInnen mitgeben, um sich im Wettbewerb erfolgreich zu behaupten? Es gibt bestimmt Punkte, an denen Sie im Nachhinein nachbessern mussten – welche waren das?
Ich falle ja selber noch in die Kategorie Nachwuchswissenschaftlerin und weiß nicht ob ich die Autorität habe hier Empfehlungen zu geben. Was ich aus meiner bisherigen Erfahrung sagen kann ist: Ein Thema suchen, für das man sich selbst begeistern kann und das ein Alleinstellungsmerkmal ist. Und dann natürlich Durchhaltevermögen.
Die Beschäftigungsbedingungen sind für Nachwuchswissenschaftler*innen leider in den allermeisten Fällen prekär, ohne Begeisterung für das Thema und ein gewisses Maß an Resilienz geht das nicht. Ich habe manchmal zu wenig auf meine Gesundheit geachtet, das fällt mir zugegebenermaßen heute immer noch schwer.
 

Wissenschaftsstandort Niedersachsen

1. Was verbinden Sie beruflich wie privat besonders mit Niedersachsen? Was schätzen Sie an Niedersachsen besonders?
Ich bin neu in Niedersachsen (seit Februar 2019) und habe hier noch nicht viele Erfahrungen sammeln können. Ich habe vorher über 10 Jahre in NRW gearbeitet. Zum Wechsel veranlasst hat mich der Schwerpunkt der Leuphana auf Popular Music Studies. Besonders schätze ich hier die Möglichkeit, aktiv am Ausbau des Studienprofils mitwirken zu können.