Repräsentanz_China_Interview_Shanghai
Niedersachsens Repräsentanz in China

Internationale Wachstumschancen: Chinas Markt ist groß und vielfältig

24.08.2020 Shanghai

Ein Interview mit Yi Zhang - der Repräsentant des Landes Niedersachsen in China versteht sich als Vermittler zwischen den Kulturen und unterstützt niedersächsische Unternehmen beim Markteintritt vor Ort: China ist ein riesiger Markt, daher gibt es auf breiter Basis Marktchancen.

Herr Zhang, Sie sind der Repräsentant des Landes Niedersachsen in der Volksrepublik China. Die Leserinnen und Leser würden sicher auch gern etwas über Sie persönlich erfahren.

Im Jahr 2003 bin ich erstmals nach Deutschland gekommen, um die deutsche Sprache zu erlernen und um zu studieren. Ich habe mich sofort sehr wohl gefühlt und aus einem Semester sind dann vier Jahre geworden. Nach meinem Master in Elektrotechnik an der TU Berlin habe ich eine Zeit lang in München als Softwareentwickler gearbeitet.

Ich bin zwar Ingenieur, aber in 2010 erhielt ich ein interessantes Jobangebot in der Wirtschaftsförderung im Bereich Investitions- und Exportförderung.

"Spannend und vielfältig sind die Aufgaben internationale Investitionen zwischen Europa und China anzubahnen und Unternehmen beim Eintritt in den chinesischen Markt zu unterstützen."

Fünf Jahre war ich in Wien und Zürich als Repräsentant des Sino-Austria Ecological Park und des Sino-Swiss Industrial Park tätig. Anschließend war ich mehrere Jahre als Leiter des Büros für Investitionsförderung in der Stadt Zhenjiang in der Provinz Jiangsu verantwortlich für die internationale Investitionsförderung, bevor ich Repräsentant des Landes Niedersachsen in China geworden bin.

Yi Zhang, Repräsentant des Landes Niedersachsen in Shanghai, China

In normalen Zeiten, was macht Ihre Arbeit als Repräsentant besonders interessant?

Die Leitung der Repräsentanz des Landes Niedersachsen in China ist eine sehr interessanteste Aufgabe, die es mir ermöglicht, eng mit deutschen und chinesischen Unternehmen zusammen zu arbeiten und wirtschaftliche Kooperationen zwischen den Ländern zu fördern. Hierbei stimme ich mich eng mit dem Wirtschaftsministerium Niedersachen ab.

"Ich verstehe mich auch als ein Vermittler zwischen den Kulturen, damit z.B. interkulturelle Unterschiede in der Kommunikation, nicht zu Missverständnissen zwischen deutschen und chinesischen Geschäftspartnern führen."

Eine meiner Hauptaufgaben besteht zudem darin, deutsche Unternehmen beim Eintritt in den chinesischen Markt zu unterstützen und geeignete Wege zur Gewinnung von Kunden aufzuzeigen. Die Kommunikation zwischen den Regierungen, Unternehmen und Institutionen in China und Deutschland kann herausfordernd sein und dazu führen, dass Projekte nicht vorankommen. Hier kann ich als Repräsentant die notwendige Hilfestellung leisten und es macht mir große Freude, dabei zu vermitteln.

Wie belastend war für Sie die Zeit der strengen Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie?

China war im ersten Quartal 2020 etwa anderthalb Monate lang im Lock-down und die Regierung setzte konsequent Maßnahmen wie Ausgangssperren durch, um die Ausbreitung des Virus in den Griff zu bekommen. Das war natürlich ein großer Einschnitt in den persönlichen Alltag, aber ich habe mich zusammen mit meiner Familie relativ schnell darauf eingestellt und das Leben zu Hause so normal wie möglich weitergeführt.

Dies hatte natürlich auch Auswirkungen auf meine Arbeit als Repräsentant und die Anfragen niedersächsischer Unternehmen waren eher gering. Dem gegenüber ist das Interesse chinesischer Unternehmen an Investitionen in Europa nicht ganz so stark zurückgegangen, so dass der Fokus meiner Arbeit zu dieser Zeit hauptsächlich auf dem Ausbau der Beziehungen expansionsinteressierter chinesischer Unternehmen lag. Allerdings war dies schon sehr herausfordernd, da zu dieser Zeit auch hier in China fast alle Geschäftsaktivitäten von offline auf online umgestellt werden mussten. Chinesen bevorzugen jedoch die persönlich geführten Gespräche anstatt Online-Meetings durchzuführen.

Glücklicherweise wurden die Beschränkungen ab Mitte März schrittweise aufgehoben. Jetzt können wir wieder unbeschränkt in China reisen und das Geschäftsleben hat sich wieder normalisiert. Bald werde ich auch wieder an ersten Messen in China teilnehmen können.

Die Corona-Pandemie hat in allen Ländern negative Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung. Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Lage auch mit Blick auf das kommende Jahr 2021?

Es ist tatsächlich leider so, dass COVID-19 wie bisher keine andere globale Krise zu einer wirtschaftlichen Rezession führen wird und auch China davon stark betroffen ist. So gab es im ersten Quartal 2020 ein negatives BIP-Wachstum von 6,8%. Import und Export zahlreicher Branchen, aber auch Hotels, Cateringunternehmen, der Tourismus, die Luftfahrt, die Veranstaltungsbranche und viele andere Bereiche sind stark betroffen. Auch ein deutlicher Rückgang der Verbraucherausgaben und bei den ausländischen Direktinvestitionen, ist zu befürchten. Experten gehen für 2020 von einem Rückgang der ausländischen Investitionen um bis zu 40% aus und auch der internationale Handel wird sich vermutlich in dieser Größenordnung reduzieren.

Wenn es möglich wird einen Impfstoff zu entwickeln und flächendeckend einzusetzen, sehe ich in China gute Chancen für ein starkes Wachstum in 2021. Grundsätzlich wird sich die Wiederbelebung der Wirtschaft jedoch in verschiedenen Industrien sehr unterschiedlich gestalten.

"In innovativen Branchen wie Artificial Intelligence, Informationstechnik und Life Science sehe ich große Wachstumschancen. Hier wird auch die Regierung Chinas stark investieren und Wachstum fördern"

China ist ein sehr wichtiger Markt für deutsche und auch niedersächsische Unternehmen. Vor dem Hintergrund der besonderen Stärken des Wirtschaftsstandortes Niedersachsen: Wo sehen Sie Branchenbereiche, die für unsere Unternehmen besonders interessant sein könnten?

"China ist ein riesiger Markt, daher gibt es auf breiter Basis Marktchancen. Allerdings denke ich, dass besondere Chancen für niedersächsische Unternehmen insbesondere in den Branchen Mobilität und Biowissenschaften liegen."

Die Automobilindustrie ist die wichtigste Branche für Investitionen niedersächsischer Unternehmen in China und wird auch weiterhin Gewicht haben. Chinas E-Mobilitätsindustrie entwickelt sich rasant. Im ersten Halbjahr 2020 wurden unter dem Einfluss der Pandemie in China immer noch 400.000 neue Fahrzeuge mit Elektroantrieb verkauft und bis 2023 werden es voraussichtlich 3 Millionen sein. Viele deutsche Unternehmen haben ihre Investitionen in dieser Branche erhöht, insbesondere Volkswagen hat gerade 2.1 Milliarden Euro in der Provinz Anhui investiert.

Die Biowissenschaft ist eine der Branchen, die von der Pandemie profitieren kann. Viele chinesische Unternehmen aus diesem Bereich hatten in letzter Zeit ein großes Geschäftswachstum und zeigen eine starke Bereitschaft zur internationalen Zusammenarbeit. Außerdem ist in dieser Branche zurzeit reichlich chinesisches Kapital vorhanden. Für niedersächsische Life-Science-Unternehmen ist dies eine gute Gelegenheit, in den chinesischen Markt einzutreten oder mit chinesischen Unternehmen zusammenzuarbeiten.

Ein weiterer Sektor ist die Lebensmittelindustrie. Aufgrund des starken Wachstums des chinesischen Inlandsmarktes haben die größten Lebensmittelunternehmen enorme Summen in die Erweiterung der Produktions- und Verarbeitungskapazitäten gesteckt. Die steigende chinesische Nachfrage nach Premium-Produkten bietet niedersächsischen Unternehmen gute Chancen, am chinesischen Markt teilzunehmen. Darüber hinaus stehen chinesische Unternehmen in diesem Sektor der Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen sehr offen gegenüber.

Ich könnte noch einige weitere Marktchancen aufzeigen, denn Chinas Markt ist groß und vielfältig. Ich möchte niedersächsische Unternehmen ermuntern mit mir Kontakt aufzunehmen, sodass wir gemeinsam die spezifischen Marktchancen prüfen können.

Wie kann Niedersachsen von der Vertiefung der Beziehungen zwischen der EU und China profitieren?

Aufgrund der gegenwärtigen Spannungen zwischen China und den USA ist das Verhältnis zwischen China und der EU wichtiger denn je. Die EU ist Chinas wichtigster Handelspartner. Die chinesische Regierung unterstützt europäische Unternehmen, die nach China expandieren, und chinesische Unternehmen, die in Europa investieren wollen.

Darüber hinaus sieht der 5-Jahresplan der chinesischen Regierung ab 2021 eine Öffnung des Marktes vor und ermutigt auch chinesische Unternehmen, international zu expandieren. Unternehmen aus Niedersachsen können Unterstützungsmaßnahmen bei der Erkundung des chinesischen Marktes erhalten und haben bessere Chancen, Investitions- und Kooperationspartner in China zu finden.

"Ein Vorteil ist, dass chinesische Unternehmen gerne in Deutschland investieren und der Standort Niedersachsen aufgrund seiner Attraktivität gute Chancen hat, chinesische Investoren zu gewinnen."

Auf welche wirtschaftlichen und kulturellen Besonderheiten in der Volksrepublik China muss sich ein niedersächsisches Unternehmen einstellen?

In China ist der Kontakt mit der Regierung unvermeidlich. Viele Produkte müssen von der zuständigen chinesischen Behörde registriert, zertifiziert oder lizenziert werden, bevor sie in China verkauft werden können. Ein häufig praktizierter und wirksamer Ansatz, um schneller voranzukommen, ist die Zusammenarbeit mit einem chinesischen Unternehmen.

Die Sicherung des geistigen Eigentums ist in China ein durchaus schwieriges Thema, obwohl aktuell schon Verbesserungen erkennbar sind. Deshalb ist es z.B. wichtig sicherzustellen, dass alle Rechte registriert sind und die erforderlichen Überprüfungen bei den Geschäftspartnern durchgeführt wurden.

Hinsichtlich der Kommunikation innerhalb Chinas ist die Benutzung von WeChat zu empfehlen, denn die App ist das wichtigste Werkzeug für die Geschäftskommunikation in China.

Die Verwendung von WeChat zeigt gegenüber dem Geschäftspartner Professionalität und ist ein wichtiger Aspekt beim Aufbau von Geschäftsbeziehungen.

Mit welchen typischen Herausforderungen sehen Sie niedersächsische Unternehmen konfrontiert und wo können Sie besonders unterstützen?

"Kulturelle Missverständnisse sind eine der größten Herausforderungen für deutsche Unternehmen in China."

Obwohl immer mehr Chinesen die englische Sprache ganz gut beherrschen, bleibt es schwierig, die „verborgenen“ Bedeutungen der Sprache zu verstehen.

Voraussetzung für gute Geschäftsbeziehungen ist aber nicht nur die direkte, sondern auch das Verständnis für die indirekte Kommunikation sowie der kulturellen Gepflogenheiten.  Hier kann ich Unternehmen unterstützen, um Missverständnisse aufgrund kultureller Unterschiede zu vermeiden und um Geschäftsbeziehungen besser zu gestalten.

Eine weitere Herausforderung besteht oft darin, potenzielle Geschäftspartner genau zu analysieren, um festzustellen, ob das chinesische Unternehmen ein wirklich leistungsfähiger und kooperativer Partner ist. Auch hierbei unterstütze ich gern.

Es gibt aber auch ein reges Interesse von chinesischen Unternehmen, in Niedersachsen aktiv zu werden, sei es durch den Aufbau einer Vertriebseinheit oder eine konkrete Ansiedlung. Welche Unterstützungsleistungen kann die Repräsentanz den interessierten chinesischen Unternehmen bieten?

Die Repräsentanz Niedersachsens in China ist zum einen proaktiv in China unterwegs, um interessante Unternehmen gezielt auf die Möglichkeiten in Niedersachsen aufmerksam zu machen. Zum anderen unterstützt sie aber auch die Unternehmen, die gezielt nach Ansiedlungsmöglichkeiten in Europa suchen.

Chinesischen Unternehmen biete ich in enger Zusammenarbeit mit dem Wirtschafts-ministerium in Niedersachsen insbesondere Unterstützung bei der Entwicklung von Strategien zur Ansiedlung in Niedersachsen und bei der Suche nach Standorten an. Dies umfasst sowohl Hilfestellungen bei der Vermittlung von Industrie-, Gewerbe- oder Büroflächen als auch bei der Suche nach potentiellen Kooperationspartnern und Kontakten zu Clustern und Verbänden. Wenn durch meine Mithilfe konkrete Projekte zwischen chinesischen und niedersächsischen Unternehmen und Einrichtungen entstehen, erfüllt mich das mit großer Freude.

 

Bildcredit: Pixabay

Ihr Repräsentant in China