Titelbild Japan
Niedersachsens Repräsentanz in Japan

Die Japaner schätzen die Stärken der Deutschen

24.08.2020 Tokyo, Japan

Ein Interview mit Herrn Makoto Sekikawa - der Repräsentant des Landes Niedersachsen in Tokyo gibt einen Einblick in seine Arbeit und die Wirtschaftslage vor Ort: Die Stärken der Deutschen sehen die Japaner vor allem in der Automobilherstellung, Maschinenbau, Life Science, Umweltschutz, erneuerbaren Energien und in SDGs.

Herr Sekikawa, seit dem 31.März 2020 gibt es eine Repräsentanz des Landes Niedersachsen in Japan und Sie sind der Repräsentant. Sie bringen umfangreiche berufliche Unternehmenserfahrungen in Ihre Arbeit als Repräsentant ein. Wir würden gerne mehr über Ihre Tätigkeit und Ihren beruflichen Hintergrund erfahren.

Viele Jahre habe ich für einen mittelständischen japanischen Maschinenhersteller gearbeitet. Das Unternehmen entsandte mich als internationale Fachkraft zweimal für insgesamt 8 Jahre nach Deutschland.

Großunternehmen können japanisch sprachige Rechtsanwälte, Consultants, und Wirtschaftsberater in Deutschland engagieren. Ich musste die Firmengründung und eine Übernahmetransaktion (Asset Deal) in Deutschland dagegen selbstständig und ohne die Unterstützung von Fachleuten organisieren. Diese Erfahrung war schon eine besondere Herausforderung. Deshalb verstehe ich die Herausforderungen, mit denen speziell japanische KMU in Deutschland konfrontiert werden.

Auf der anderen Seite kann ich aber auch die Schwierigkeiten deutscher Firmen sehr gut nachvollziehen, wenn sie versuchen in Japan Fuß zu fassen. Während meiner Berufstätigkeit habe ich auch Erfahrungen mit der Ansiedlung deutscher Unternehmen in Japan machen können: Ein deutsches Start-Up aus der IT-Branche konnte ich erfolgreich bei der Gründung einer Niederlassung in Japan unterstützen.

Makoto Sekikawa, Repräsentant des Landes Niedersachsen in Tokyo, Japan

Wie belastend war für Sie die Zeit der strengen Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie?

Gleich nach der Eröffnung der Repräsentanz am 1. April in Tokyo wurde am 7. April wegen COVID-19 der Notstand ausgerufen. Die Bevölkerung wurde mit dem Appell „Stay Home“ aufgefordert zu Hause zu bleiben und wenn möglich von zu Hause zu arbeiten.

Anders als in manchen Großstädten in Europa oder in den USA wurde glücklicherweise kein allgemeiner „Lockdown“ verhängt. Deshalb war die Bewegungsfreiheit der Menschen nicht gesetzlich eingeschränkt. Ich konnte wie immer im Supermarkt einkaufen gehen oder den Friseur besuchen. Die Gastronomie und ausgewählte kulturelle Einrichtungen haben freiwillig geschlossen. Reisen sollten nach Möglichkeit nicht unternommen werden.

"Viele Firmen haben in dieser Zeit auf Home Office umgestellt."

Der Notstand ist nun aufgehoben, aber leider steigen die Infektionszahlen wieder. Wir werden wohl noch eine Zeit lang vermehrt online arbeiten als uns persönlich zu treffen.

Die Corona-Pandemie hat in allen Ländern negative Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung. Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Lage auch mit Blick auf das Jahr 2021?

Manche Experten behaupten, dass es ohne Impfstoff gegen Corona keine Rückkehr zum normalen Alltags- und Wirtschaftsleben geben wird. Ob die Olympiade in Tokyo nächstes Jahr ohne Impfstoff stattfinden wird, ist fraglich.

Unter der Voraussetzung, dass der Einfluss von Corona im Jahr 2021 nachlässt und die Olympiade planmäßig stattfindet, werden Prognosen erstellt. Die Mitsubishi UFJ Financial Group Bank (MUFG) schätzt als größte Bank Japans, dass die japanische Wirtschaft gegenüber 2020 um 3,6 % wachsen wird. Der Ausbau der 5G-Netze ist laut MUFG ein großer Wachstumsfaktor.

Wird das im letzten Jahr in Kraft getretene Freihandelsabkommen zwischen Japan und der EU neue Impulse für die wirtschaftliche Zusammenarbeit setzen?

Im Importgeschäft erkennen wir schon heute deutliche Auswirkungen. Ein Beispiel: Die Importsteuer für Wein aus der EU wurde sofort auf 0 % gesenkt. Damit stieg der Import von deutschem Wein nach dem Inkrafttreten der EPA-Vereinbarung in 2019 um 33,3 % gegenüber 2018.

Die Japan External Trade Organization (JETRO) erwartet, dass das Abkommen den Export von japanischen Lebensmittel in die EU fördern wird. Hier sehe ich beispielsweise für Unternehmen in Deutschland und Japan gleichermaßen große Chancen.

Dort, wo die Zölle schrittweise abgebaut werden, werden wir die positiven Effekte eher langsam sehen. Das betrifft beispielsweise Bereiche wie Fahrzeuge, Maschinenbau oder Stahl.

"Nach einer Analyse der Regierung soll das Freihandelsabkommen das japanische BIP um 0,99 % erhöhen und Arbeitsplätze für 290.000 Menschen schaffen. Die bisherigen Analysen wurden vor COVID-19 erstellt. Wie sich die Wirtschaft im weiteren Verlauf der Pandemie entwickeln wird ist allerdings ungewiss. Langfristig werden aber sowohl deutsche als auch japanische Unternehmen vom Freihandelsabkommen profitieren."

Insbesondere in den Bereichen Mobilität, Energie, Ernährung und Life Science sind niedersächsische Unternehmen besonders stark. Wo sehen Sie besondere Chancen für niedersächsische Unternehmen in Japan?

Niedersächsische Großunternehmen wie Volkswagen, Continental und Ottobock sind in Japan präsent. Aber nur wenige Japaner können diese Firmen mit Niedersachsen assoziieren.

Ich möchte diese Unternehmen und die Stärken des Landes Niedersachsen bekannter machen.

"Dabei können wir den Umstand nutzen, dass Japaner die Stärken der Deutschen in der Automobilherstellung, Maschinenbau, Medizin, Life Science, Umweltschutz, erneuerbaren Energien und in SDGs sehr schätzen. "

Nachholbedarf sehe ich für die Branchen Agrartechnik und IT. Ich bin der Ansicht, dass wir die Potentiale und die Vielfalt des Landes Niedersachsen als Wirtschaftsstandort bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufzeigen müssen, um das Image Niedersachsens in Japan zu stärken.

Auf welche wirtschaftlichen und kulturellen Besonderheiten in Japan muss sich ein niedersächsisches Unternehmen einstellen?

Das hängt davon ab, ob man Geschäfte im B2C- oder B2B-Bereich betreibt. Nach meiner eigenen Erfahrung sollten B2B-Unternehmen vor allem auf Qualität, Zuverlässigkeit, langlebige Produkte und Geschäftsbeziehungen sowie ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis Wert legen, um sich in Japan zu etablieren. Unternehmen sollten prüfen, ob Sie mit einem japanischen Partner zusammenzuarbeiten oder sich an einer bereits etablierten, japanischen Firma beteiligen können, um den Markteintritt zu erleichtern.  

Mit welchen typischen Herausforderungen sehen Sie niedersächsische Unternehmen konfrontiert und wo können Sie besonders unterstützen?

Japanische Kunden sind sehr genau und anspruchsvoll. Aus europäischer Sicht mag das manchmal übertrieben und irrational wirken. Aber um langfristig in Japan Fuß zu fassen, müssen niedersächsische Unternehmen den hohen Ansprüchen im japanischen Geschäftsalltag gerecht werden. Ich kann den niedersächsischen Firmen dabei helfen, diese Hürde erfolgreich zu meistern.

Gerade in den letzten Jahren ist zu beobachten, dass das Interesse japanischer Unternehmen am Wirtschaftsstandort Europa zugenommen hat. Wie kann Niedersachsen davon profitieren?

Es ist wahr, dass das Interesse der japanischen Firmen an Europa nach Abschluss des Freihandelsabkommens zugenommen hat. Das ist auch für Niedersachsen eine Chance. Meine Aufgabe besteht darin, das Standortmarketing für Niedersachsen in Japan voranzutreiben. Wir müssen die Stärken des Landes und die vielfältigen Unterstützungsmöglichen in Japan bekannt machen und gleichzeitig gezielt auf die Bedürfnisse japanischer Unternehmen eingehen. Dabei kann ich mit meinen Erfahrungen und Kontakten unterstützen. 

Ihr Repräsentant in Japan