Russland_Moskau_Interview_Repräsentanz
Niedersachsens Repräsentanz in Russland

Russland lohnt sich: Die Russische Föderation wirbt aktiv um internationale Investitionen

28.09.2020 Moskau

Ein Interview mit Anna Urumyan - die Repräsentantin des Landes Niedersachsen in Russland erklärt, wie sie die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen mit ihrem kompetenten Wissen über den russischen Markt und ihrem effizienten Netzwerk vor Ort stärkt und Ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht.

Frau Urumyan, Sie sind die Repräsentantin des Landes Niedersachsen in der Russischen Föderation. Wir würden gerne mehr über Ihre Tätigkeit und über Sie persönlich erfahren.

Es ist für mich eine große Ehre, ein so wunderschönes Bundesland zu repräsentieren und dass ich die Möglichkeit hatte, die Aktivitäten der Repräsentanz in der Russischen Föderation vom ersten Tag an mit aufzubauen. Ich bin seit 2010 die Leiterin der Repräsentanz und ich muss gestehen, dieser Part meiner Arbeit macht mir am meisten Spaß.

"Ohne falsche Bescheidenheit möchte ich sagen, ich habe Niedersachsen liebgewonnen: die Menschen, einige davon sind auch zu Freunden geworden, die Natur, Sehenswürdigkeiten und Lebensart – kurzum den Charme des Nordens."

Mittlerweile bin ich mehr als 15 Jahre für das Land tätig. Und keiner dieser Tage war langweilig. Meinen Lebenslauf betrachtend würde ich sagen, dass ich für meine Arbeit als Repräsentantin des Landes Niedersachsen sehr gut gerüstet bin. Zu meinem Sprachstudium, zu dem später noch ein MBA-Abschluss mit Fokus auf Internationale Zusammenarbeit und Außenwirtschaft hinzukam, passt auch mein Hobby: das Reisen. Diese Freude am Reisen ist ein wichtiger Teil meines Lebens: einerseits bildet es, andererseits erzieht es zu Toleranz, Respekt vor anderen Kulturen und zeigt besonders deutlich die Vielfalt unseres Daseins.

Darüber hinaus bin ich auch die Leiterin der Moskauer Repräsentanz der Deutschen Management-Akademie Niedersachen (DMAN) mit Hauptsitz in Celle und Geschäftsführerin der OOO BMS, einer Tochtergesellschaft der DMAN in Russland.

Anna Urumyan_Repräsentanz Russland
Anna Urumyan, Repräsentantin des Landes Niedersachsen in Moskau, Russland

Wie belastend war für Sie die Zeit der strengen Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie?

Zu dieser Frage habe ich mir in letzter Zeit fast schon eine Musterantwort zugelegt: hart, denn ich bin eigentlich ein Offline-Mensch. In meinem Metier ist die menschliche Interaktion besonders wichtig und wertvoll. Netzwerken ist dabei das A und O, denn Erstkontakte online oder telefonisch zu knüpfen ist extrem schwierig. Wie wir alle wissen, hat man in der Regel nur eine Chance für einen positiven ersten Eindruck.

Und die Pandemie hat uns alle „gegen die Wand gedrückt“ und uns ihre eigenen Spielregeln auferlegt.

 

"Mein Team und ich haben uns in dieser Zeit neue Softskills angeeignet und uns schnell digitalisiert. Alles online: Meetings, Seminare und insbesondere die Arbeit im Home-Office mit all ihrer Bürokratie."

Daneben war aber auch die Personalführung eine richtige Herausforderung. Nach zehn Wochen angeordneter Selbstisolierung, fast ohne das Haus zu verlassen, war es für mich eine unbändige Freude wieder im Büro arbeiten zu dürfen.

Die Corona-Pandemie hat in allen Ländern negative Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung. Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Lage auch mit Blick auf die kommenden Monate?

Es ist eine undankbare Aufgabe in der jetzigen Lage eine Prognose oder eine Bewertung abzugeben. Alle namhaften Institutionen versuchen unterschiedliche Szenarien zu entwerfen. In Russland haben wir ein Zusammenspiel zweier wesentlicher Einflussfaktoren: die Erdölpreisentwicklung mit ersten Turbulenzen bereits Anfang 2020 und die Corona-Pandemie mit der Gefahr einer zweiten Welle.

Viele Experten meinen, dass Russland genug Gelder im Wohlfahrtsfonds angespart hat und dadurch etwas weniger dramatisch durch die Krise steuern kann. Aber auch aufgrund des Lokalisierungstrends, der wegen der Sanktionen zugenommen hat, sowie der nicht so tiefen Verankerung in den internationalen Wertschöpfungsketten leidet Russland in der Corona-Krise wirtschaftlich vielleicht etwas weniger.

Eine der Strategien unserer Regierung ist es nun, unser Land als Zuliefererland zu entwickeln. Das Coface-Barometer z. B. zeigt, dass Russland im Vergleich zu Deutschland in 2020 eventuell sogar weniger an BIP-Entwicklung verliert. Auch eine weitere relevante Prognose anhand der Zollstatistik für die ersten fünf Monate in 2020 zeigt, dass die Importe weniger stark gesunken sind als die Exporte. Die Struktur der Importe zeigt dabei einen stärkeren Fokus auf die Investitions- und Zwischengüter, was wiederum auf die Belebung der Wirtschaftsaktivitäten hindeutet.

Die Weltbank und andere Experten meinen hingegen, dass Russland in 2020 bis zu 6% an Wirtschaftsleistung verliert. Zusätzlich lässt auch die zeitliche Streckung von ambitionierten Nationalprojekten unseres Präsidenten bis zum Jahr 2030 Raum für gewisse Spekulationen.

In normalen Zeiten, was macht Ihre Arbeit als Repräsentantin besonders interessant?

Die Vielseitigkeit der Arbeitsbereiche und Aufgaben. Ich lerne mit jedem neuen Projekt dazu. Die Modebegriffe sind momentan „lifelong learning“ und auch „learning by doing“, und genau diese kennzeichnen den Alltag in der Repräsentanz des Landes Niedersachsen.

"Ich habe ein großes, vielfältiges und effizientes Netzwerk aufgebaut, das es mir erlaubt, jeder Aufgabe gewachsen zu sein und auf unterschiedliche Expertise zugreifen zu können: sei es im Bereich Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Gesellschaft oder Kultur."

Ich stehe unseren niedersächsischen Unternehmen hier in Moskau mit Rat und Tat zur Seite, berate sie zu Besonderheiten des russischen Marktes, habe aber gleichzeitig auch einen Schritt nach vorne gewagt und biete einen Office-in-Office-Service an. Darüber hinaus biete ich aber auch praktische Lösungen im Bereich Lieferung, Import-Verzollung und Zertifizierung sowie meine Lieblingsaufgabe – das Standortmarketing für Niedersachsen.

Sehen Sie Branchenschwerpunkte in der Russischen Föderation, die für niedersächsische Unternehmen besonders interessant sein könnten?

Bei dieser Frage müssen wir unterscheiden, worum es geht: Verkauf nach Russland oder Produktion vor Ort mit der Perspektive der Belieferung von Drittländern. Ich habe bereits den Lokalisierungstrend Russlands erwähnt. Hinzu kommen jedoch auch noch die Importersatzstrategie und eine Neuorientierung der russischen Wirtschaftspolitik auf dem internationalen Markt.

Die Russische Föderation wirbt aktiv um Investitionen, z. B. mit Hilfe einer neuen Version der Sonderinvestitionsverträge (auch als „SPIK 2“ bekannt), es gibt Programme zur Exportunterstützung, der „Made in Russia“-Status wird gefördert. Gleichzeitig wird die Teilnahme an staatlichen Ausschreibungen für Ausländer ohne Verankerung in Russland beschränkt und man darf natürlich auch die Sanktionen nicht außer Acht lassen.

Daher gibt es gewisse Unterschiede im Modus Operandi für niedersächsische Unternehmen auf dem russischen Markt.

"Grundsätzlich würde ich die Bereiche Pharma, Chemie, Agrarwirtschaft, Maschinenbau, Wasserstofftechnologien und Müllverarbeitung als besonders interessant bezeichnen, aber diese Aufzählung ist keinesfalls abschließend."

Für konkrete Anfragen niedersächsischer Unternehmen stehe ich immer gern zur Verfügung – Russland lohnt sich in vielen Fällen.

Auf welche wirtschaftlichen und interkulturellen Besonderheiten muss sich ein niedersächsisches Unternehmen einstellen?

Ich bin kein Freund der Pauschalisierung. Jegliche Stereotypen abzuschaffen, das ist eventuell das Erste, was man bei dem internationalen Charakter meiner Arbeit lernt. Sicherlich gibt es Besonderheiten oder richtige No-Go’s, aber die Deutschen und die Russen sind sich in vielen Aspekten gar nicht so unähnlich. Worauf ich aber hinweisen möchte, sind folgende Momente: Prüfen Sie ganz genau und gründlich mit wem Sie arbeiten, da der erste Eindruck täuschen kann.

Unser Rechtssystem bessert sich, aber nach wie vor ist es noch weit vom Ideal entfernt. Technische Regelwerke und Anforderungen sowie Konformitätsvorschriften unterscheiden sich, sind oft nicht zu 100% logisch und in manchen Bereichen auch überholt. Hier brauchen die deutschen Kollegen meist viel Geduld und Verständnis. Viele Russen haben auch eine andere Einstellung was die Ressourcen anbetrifft: Arbeitskosten und Energiekosten sind z. B. relativ niedrig, im Vergleich dazu ist das Kapital teuer. Das erklärt auch eine teilweise niedrigere Arbeitseffizienz bei uns. Mit Hilfe eines weiteren Nationalprojekts sollen in dem Bereich aber Verbesserungen erreicht und die Arbeitsproduktivität gesteigert werden. Hierzu gibt es sogar eine deutsch-russische Initiative, die „Effizienzpartnerschaft“.

In den russischen Unternehmen gibt es zum Teil auch andere Sitten und Bräuche, andere Gepflogenheiten, eine andere korporative Kultur. Es gibt auch keine so klare Trennung zwischen Arbeit und Privatleben, das eine fließt in das andere über und sie beeinflussen einander. Kritik wird oft sehr persönlich genommen. Aber wenn man diese Aspekte versteht, kann man sie gut bei der Arbeit nutzen.

"Hat man erst einmal einen Partner gewonnen, respektive sein Vertrauen, schätzt er die Art und Weise und die Sicherheit der Zusammenarbeit. Und wenn er den deutschen Kollegen ins Herz geschlossen hat, dann hat man einen Partner für lange Zeit, da ist dann eine große Loyalität im Spiel."

Mit welchen Herausforderungen sehen Sie niedersächsische Unternehmen konfrontiert und wo können Sie besonders unterstützen?

Die meisten Fragen kommen aus der außenwirtschaftlichen Praxis und diese sind aus meiner Sicht, vielleicht aufgrund meiner Erfahrung, die eindeutigeren und sind operativ und effizient zu beantworten. Eine neue Herausforderung bei den Exporten naсh Russland ist z. B. die Markierung mit dem „Chestny Znak“ – einem neuen, digitalen „track & trace“ –System. Ich versuche, die niedersächsischen Unternehmen dabei auf dem Laufenden zu halten. Laut aktuellen Prognosen sollen bis 2024 alle Industriebereiche involviert sein.

Die Suche nach Partnern, die Einschätzung des Marktes, Prüfungen von Geschäftspartnern, der richtige Ansatz für den Markteintritt und die damit verbundenen Herausforderungen sind auch sehr gefragt. Jede Anfrage wird individuell bearbeitet, mit maßgeschneiderte Antworten und Aufzeigen möglicher Lösungswege.

Es gibt aber auch Interesse von russischen Unternehmen in Niedersachsen aktiv zu werden, sei es durch den Aufbau einer Vertriebseinheit oder eine konkrete Ansiedlung. Wie können Sie interessierte russische Unternehmen unterstützen?

Ja, für viele russische Exporteure ist der deutsche Markt von großem Interesse, zum Teil auch ein Statussymbol. Dazu kommt die aktive Unterstützung und Förderung durch die russische Regierung im Rahmen des Nationalprojektes „Internationale Kooperation und Export“.

Die niedersächsische Repräsentanz kooperiert eng mit dem föderalen Russischen Exportzentrum, aber auch mit dem umfangreichen Netzwerk von Exportzentren in den Regionen. Unser Schwerpunkt liegt dabei auf dem Standortmarketing für Niedersachsen, der Beratung bei Ansiedlungsvorhaben russischer Unternehmen – hier kann ich immer mit einer starken Unterstützung der Kollegen im Wirtschaftsministerium und ihrer profunden Expertise rechnen.

Wenn Sie auf Ihre bisherige Arbeit zurückblicken, an welche Erfolge erinnern Sie sich besonders gern?

Das ist aus meiner Sicht immer die schwierigste Frage – es gab bisher viele Erfolge, die mich persönlich immer wieder für die neuen Aufgaben motivieren.

Ich habe bisher mehre interessante Foren zu den deutsch-russischen bzw. niedersächsisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen durchgeführt, mehrere Delegationsreisen aus Niedersachsen nach Moskau und in andere russische Regionen mitorganisiert, unter anderem mit Fokus auf die Partnerprovinzen Perm und Tjumen. Ich habe niedersächsische Unternehmen aber auch beim Aufbau und der Erweiterung ihrer Vertriebs- und Exporttätigkeit in Richtung Russland unterstützt und einigen Unternehmen bei der Gründung eigener Strukturen oder eigener Tochtergesellschaften auf dem Russischen Markt mit Rat und Tat zur Seite gestanden.

Ich lebe im Hier und Jetzt. Ein Erfolg ist für mich immer, wenn ich mit meinen Kenntnissen und Kompetenzen von Nutzen sein kann, wenn ich in einer komplexen Situation geholfen habe - und wenn ich zufrieden nach Hause gehen kann und am nächsten Morgen mit Freude und frischen Kräften auf die neuen und interessanten Herausforderungen blicke …

 

Bildcredit: Pixabay

Ihre Repräsentantin in Russland